Der Rote, der ein Weißer ist

Hermann Goethe schrieb 1887 in seinem Handbuch der Ampelographie.

"Der rotweisse und mittelgrosse rote Velteliner, ersterer mit dem Synonym "Todtträger", sind nur in Farbe und Grösse abweichende Spielarten des roten Velteliners. Der rote Velteliner soll aus dem Val-Tellina stammen, und soll von da nach Deutschland und Österreich verbreitet worden sein, wo sie besonders in letzterembei Langenlois den Hauptsitz bildet und dem dort ebenfalls verbreiteten grünen Velteliner den Rang streitig macht. In guten Jahrgängen ist der rote Velteliner jedenfalls einer der besten niederösterreichischen Weine, während
er sonst zuviel Säure besitzt." Hermann Goethe

Der Eintrag zum Grünen Velteliner ist wesentlich kürzer und schließt mit der Bemerkung,
dass er botanisch nicht zur Familie der Velteliner gehört.

Im Weinglossar von Norbert Tischelmayer ist noch zu lesen, dass die Sorte Grüner Veltliner "bis zum Zweiten Weltkrieg in Österreich eher nur vereinzelt vertreten war. Sie breitete sich erst mit Einführung der von Lenz Moser III. kreierten Erziehungsform "Hochkultur" ab den 1950er-Jahren in Österreich sehr schnell aus.“ Und diese nahezu flächendeckende Umstellung auf die Hochkultur läutete den Niedergang des vormals allgegenwärtigen Roten Veltliners ein. Das Match steht heute in etwa 1: 68 zu Gunsten des Grünen.


Die Veltliner-Gruppe

Ferdinand Regner von der Weinbauschule Klosterneuburg brachte Mitte der Neunziger schließlich Licht ins Dunkel der Veltliner-Gruppe.

"Dem Roten Vetliner eine bedeutendere Rolle zukommt als man aufgrund seiner heutigen Verbreitung vermuten würde." Ferdinand Regner

Einem Pantscherl mit dem Traminer ist die Südbahnsorte Rotgipfler entsprungen. Mit dem Grünen Sylvaner gingen sich sogar Geschwisterchen aus - Neuburger und Frühroter Veltliner entstammen dieser Verbindung. Etwas weniger genetische Übereinstimmung ließ sich beim Zierfandler feststellen, immer noch genug, um auch diese Spezialität in die "Veltliner-Gruppe" aufzunehmen.

Ein Elternteil des Grünen Veltliners hat große Ähnlichkeit mit Traminer, während die Veltliner-Genetik so gering ist, dass der Rote Veltliner vielleicht in der Großelterngeneration mitgemischt haben könnte.

Vor etwa 15 Jahren konnte man auf die Frage nach dem Roten Veltliner einfach Mantlerhof antworten, heute schaut die Situation vielschichtiger aus. Der Anbau stagniert bei etwa 260 Hektar, es ist aber zum Glück keineswegs so wie Rudolf Steurer in seinem "Österreichischen Weinführer" 1990 schreibt, dass "die Rebe langsam vom Aussterben bedroht ist." Ganz im Gegenteil engagieren sich immer mehr und vor allem junge Winzer für diese Spezialität; auch neue Weingärten werden ausgepflanzt.

War der Rote Veltliner früher flächendeckend in Niederösterreich anzutreffen, so reicht sein Verbreitungsgebiet heute etwa von der Wachau bis Fels am Wagram. Rudi Pichler aus Wösendorf
ist der prominenteste Erzeuger in der Wachau. Ein paar wenige Hektar sind im Traisental zu finden. Bedeutendster Produzent im Kremstal ist Sepp Mantler. Führende Produzentin im Kamptal ist Birgit Eichinger, verlässliche Qualität kommt von Heinrich Weixelbaum, ebenfalls Straß und quasi neu hinzugekommen, mit interessantem Background sind Franziska und Karl Angerer aus Lengenfeld. Großvater von Franziska Angerer war der legendäre Ökonomierat Franz Hietl, der sich um die Selektion des Roten Veltliners verdient gemacht hat - vereinzelt ist noch vom "Hietl-Roten" die Rede.

Die größte Dichte an qualitativ hochwertigen Roten Veltlinern findet man im Weinbaugebiet Donauland und im angrenzenden westlichen Weinviertel - Fels und Gösing am Wagram, Großriedenthal, Hohenwarth sind die Hochburgen dieser nahezu rein österreichischen Spezialität.


Ein hervorragender Begleiter

Was kann er nun und vor allem wie schmeckt er denn? Mehrere Ausbaurichtungen lassen sich unterscheiden. Kühl und reduktiv vergoren kommt er dropsig und eher neutral daher - ein spaßiger Tischwein. Klassisch erfreut er mit ausgeprägten Zitrus- und Grapefruitaromen, die ihn als hervorragenden Begleiter zu mediterranen, sommerlichen Vorspeisen und Grillspezialitäten auszeichnen. Die ätherisch-fruchtigen Aromen begleiten ihn auch, wenn er nach ein paar Jahren der Flaschenreife in die "Breite" geht und mit nussigen Aromen ruhigen Trinkfluss bietet. Ein Nahverhältnis hat er zur Edelfäule. Wenn sie in guten Jahren auf reife Beeren trifft, wird ein großer, wuchtiger Wein daraus mit enormer Lebensdauer. Der passt dann zu allem, was gut und üppig ist.

Was diesen "Urösterreicher" - vom Trinkspaß abgesehen - besonders sympathisch macht ist die Tatsache, dass die Weine eigentlich nie teuer sind.